Einfach mal stehen bleiben

Midi-Geschichte ||

„Ich halte es nicht mehr aus!“ Thomas schaute ratlos auf den Boden und vergaß in seiner Gedankenflut das Auto aufzuschließen. Die ersten Schneeflocken bahnten sich an diesem Winterabend den Weg auf den Bürgersteig und die Straßenlaternen beleuchteten die kargen Hecken der umliegenden Grundstücke. Thomas war verzweifelt. Es war einfach nicht zu schaffen! So viel zu tun in der Arbeit und die kommende Messe musste auch noch vorbereitet werden. Eigentlich müsste er mit seiner Frau dringend umziehen, denn die Miete ist viel zu hoch. Seit Tagen trübte ein fieser Schmerz im Lendenbereich seine Stimmung und aus dem Fußballverein baten die Kumpels auch immer noch um viele Tabellenauswertungen vom vorletztem Jahr.

Dabei wollte er am liebsten nur nach Urlaub suchen und einfach mal sein neues Fahrrad ausprobieren. Oder einfach mal nur einen Film schauen oder ein leckeres Abendessen kochen.

Aber wann denn nur? Soll das jetzt in Zukunft immer so weitergehen?

Ehe er sich versah, glitt ihm auch schon der Wagenschlüssel aus der Hand und sein Laptop auch gleich hinterher. Auch das noch! Das ist das Firmennotebook. Das gibt Ärger! Thomas fuhr jetzt erst so richtig hoch und ihn überfiel ein Schwall an Wut und Ungeduld. Der Schnauber? Unüberhörbar.

Ein alter Mann mit einem verbrauchten Mantel und fetzigen Stulpen über den Händen bückte sich und reichte Thomas Schlüssel und Laptop und lächelte ihn an. „Na?“, fragte er mit einem zuversichtlichen Blick. „Ärger im Paradies?“. Ja, allerdings. “Aber der Mann will bestimmt nicht meinen Probleme hören”, dachte sich Thomas. Und es war auch gar nicht nötig. Denn dieser hatte auch schon ein paar Worte auf den Lippen:

„Es gibt die Zeit zum Stehen und die Zeit zum Gehen. Schaue Dich um und erkenne, ob die Welt um Dich herum es gerade abverlangt, einfach mal stehen zu bleiben. Komme doch überhaupt erstmal in dieser jetzigen Situation richtig an und lasse Deine Seele nachreisen. Wie möchtest Du denn herausfinden, in welche Richtung Du gehen willst, wenn Deine Seele noch nicht mal an diesen Punkt nachgekommen ist. Erst, wenn alles wieder an seinem Platz ist, dann reise weiter.“,

sagte der alte Mann. Mit einem warmen Lächeln und mit vielen, vielen Witterungsfältchen im Gesicht, nickte er Thomas noch einmal zu und stapft in den Winter.

Eine Zeit zum Stehen und eine Zeit zum Gehen?

Ja, so ist es. Das Leben – es atmet💕

Es gibt gute Zeiten und dann mal herausfordernde Zeiten. Niemand hat behauptet, dass alles auf einmal erreicht und erledigt werden muss.  Es muss vor allem nicht perfekt sein! „Gut“ ist auch prima. Und „befriedigend“ wäre immerhin auch noch befriedigend und dann stünde noch die Frage im Raum, ob andere das auch „nur befriedigend“ finden…oder gar perfekt? Wie recht der alte Mann hatte. Es muss nicht alles auf einmal geschafft werden, es darf auch mal ein Feedback gegeben werden, dass das jetzt zurzeit nicht machbar ist oder Hilfe benötigt wird.

Thomas fuhr Heim zu seiner Frau und nahm sie in den Arm. Er machte eine große Kanne Tee, um dann gemeinsam mit ihr zu überlegen, warum und wie lange sie stehen bleiben wollen. Stehen mit Tee in der Hand? Man könnte sich Schlimmeres vorstellen.

Das Ende vom Lied

Eine Woche später bekommt Thomas einen Anruf eines Kollegen. Dieser wollte schon immer eine Messe vorbereiten und in diesem Metier seine Expertise ausbauen und würde sich freuen, wenn er als Teammitglied die Vorbereitungen mit ihm gemeinsam machen darf. Johanna hat derweil nach Wohnungen gesucht, denn sie fühlte sich geehrt, dass Thomas ihr das zutraute und wäre ohne das Gespräch nicht darauf gekommen.

Und wenn das noch nicht genug wäre: Der Schmerz war weg! Und wie? Wie von Zauberhand! Denn Entspannung bringt Entspannung….naja und ein bisschen Tee und Johannas Hände taten ihr Übriges. Und ehe Thomas sich versah…gab es für die Beiden wieder eine Zeit zum Gehen…und zwar gemeinsam! 💕

No comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.